Walter Krämer
Aus Gerechte-der-Pflege
Walter Krämer wurde am 12.6.1892 in Siegen geboren und erlernte den Beruf als Maschinenschlosser. 1910 trat er als freiwilliger Soldat der Kriegsmarine bei. Am Ende des I. Weltkrieges wurde er ein erstes Mal inhaftiert, weil er angesichts der katastrophalen Versorgung der Mannschaft als Widerstandsakt in ein Lebensmitteldepot der Offiziere einbrach und sich am Matrosenaufstand in Kiel beteiligte. Die Novemberrevolution 1918 beendete seine Haftzeit und er kehrte nach Siegen zurück. Dort engagierte er sich politisch im revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat.
Als Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands wurde er zunächst Parteisekretär, später ein Mitarbeiter Ernst Thälmanns im Zentralkomitee. Schließlich wurde er in den Preußischen Landtag gewählt. Nach dem Reichstagsbrand 1933 verhaftete am 28.2.1933 die SA ihn in Hannover. Wegen angeblichem Hochverrat wurde Walter Krämer zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach der Zuchthausstrafe wurde er am 15.1.1937 in das KZ Buchenwald verschleppt.
Ab 1938 arbeitete er dort im Krankenrevier als Pfleger, ein Jahr später übernahm er die Leitung des Reviers. Für seine Pflegetätigkeit qualifizierte er sich durch ein Selbststudium über die Handbibliothek der SS-Ärzte, die ihm zugänglich war, und durch Informationsaustausch mit inhaftierten Ärzten und Pflegern. Unter seiner Krankenrevierleitung sorgte er in erster Linie für Ordnung im Revier und für eine korrekte, sachgemäße Pflege. Er drängte aus dem Personalbestand alle korrupten Elemente hinaus, kämpfte um eine verbesserte Medikamentenbe lieferung. Dabei schreckte er auch nicht davor zurück, Medikamente aus dem SS-Revier stehlen zu lassen. SS-Leute wurden bestochen, um von Häftlingsgeldern Heilmittel von draußen beschaffen zu können.
Anfang I939 brach eine Ruhr- und Bauchtyphus-Epidemie im Lager aus. Im Sommer schafften es die Pfleger um Walter Krämer, bei den SS-Ärzten Schutzimpfungen durchzusetzen, die ersten, die es in einem Konzentrationslager gab.
Die Realitäten im KZ zwangen Krämer sogar dazu, Operationen durchzuführen, um Mitgefangene nach Misshandlungen der SS-Mannschaften das Leben zu retten. Mit der Zeit spezialisierte er sich auf erfrorene Gliedmaßen, eine häufige Erscheinung der Gefangenen. Aufgrund seiner Fachlichkeit und seiner enormen medizinischen Kenntnisse bekam er den Beinamen „Arzt von Buchenwald“.
Artur Radvansky war als Jude im KZ Buchenwald und als solcher stand ihm keinerlei medizinische Betreuung durch die SS-Ärzte oder im regulären Krankenrevier zu. Nach dem II. Weltkrieg pflegte er den jüdischen Friedhof in Prag und betreute Jugendgruppen, insbesondere aus Deutschland. Über Walter Krämer berichtete er:
Walter hat in der Nacht die Kranken und Verwundeten behandelt, so gut er nur konnte. Zu dieser Zeit hatte ich erfrorene Zehen. Als er sah, dass sie operiert werden mussten, hat er mich geheim ins große Lager zum Häftlingskrankenhaus als Leiche überführen lassen, in einer Kammer operiert und mich einige Tage versteckt. Auf diese Weise hat er mir das erste Mal das Leben gerettet. Dabei hat er sein eigenes Leben riskiert. Ähnlich wie bei mir hat er auch vielen anderen geholfen. Später hat er mir zum zweiten Mal das Leben gerettet, nachdem ich bei einer Exekution 25 Schläge mit dem Ochsenziemer bekommen hatte. Die Wunden infizierten sich, waren voller Eiter, und ich hatte hohes Fieber bekommen wegen beginnender Blutvergiftung. Wieder musste ich operiert werden. In letzter Minute hat Walter Krämer die Operation durchgeführt. Eine Narbe ist ein ewiges Andenken an ihn.
Walter Krämer wurde zum Verhängnis, dass er sich entgegen der Weisung auch um die Versorgung sowjetischer Kriegsgefangener bemühte. Er weigerte sich, bei diesen Kriegsgefangenen eine Tuberkuloseerkrankung zu bescheinigen, was eine „Sonderbehandlung“, also Gastod zur Folge gehabt hätte. Daraufhin kam Walter Krämer in das Außenkommando Goslar. Dort ermordete ihn die SS am 6.11.1941 in einem Steinbruch bei Hahndorf, was im späteren Bericht als „auf der Flucht erschossen“ dargestellt wurde. Liesel Krämer, seine Frau, erhielt im November 1941 eine Urne und ließ sie auf dem Hermelsbacher Friedhof in Siegen beisetzten.

Artur Radvansky am Grab seines Freundes
und Lebensretters Walter Krämer
In der DDR wurde dahingehend sein Andenken gewahrt und seine pflegerische Tätigkeit anerkannt, indem die Berufsschule „Medizinische Fachschule“ in Weimar den Namen „Walter Krämer“ erhielt. Mit der Wiedervereinigung legte die Schule den Namen ab.

Gedenkbüste in der Medizinischen Fachschule Weimar
In der BRD, auch nicht in seiner Heimatstadt Siegen, war man anfangs in der Lage, Walter Krämer Anerkennung oder Ehrung zuteil werden zu lassen, vermutlich deswegen, weil er Kommunist war. Erst am 27.1.1999, am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, wurde für Walter Krämer in Anwesenheit von Artur Radvansky eine Gedenktafel an seinem Geburtshaus enthüllt. Und es war auch überwiegend Artur Radvansky Verdienst, dass die Nazis nicht endgültig über Walter Krämer siegen konnten, weil er immer und immer wieder über die Taten seines Lebensretters erzählte.

Gedenktafel an Walter Krämers Geburtshaus
Über die Rolle, die einige kommunistische Funktionshäftlinge im KZ Buchenwald spielten, wurde später sehr kontovers diskutiert. Über Walter Krämer erübrigt sich jede Diskussion: er war im KZ Buchenwald mit Herz und Hand eine bedeutende Persönlichkeit der Pflege.Am 11.4.2000, am 55. Jahrestag der Selbstbefreiung des Konzentrationslagers Buchenwald, wurde Walter Krämer der Titel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen und für ihn auf dem Gelände der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ein Baum gepflanzt.
Quellen
- Klaus Dietermann, Karl Prümm: Walter Krämer - von Siegen nach Buchenwald. Siegen 1986 (Hrsg. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Siegerland e. V., Häutebachweg 9, 57072 Siegen).
- Bodo Ritscher: Arzt für die Häftlinge. Weimar/Buchenwald, 1988



